Impulse und Berichte

Theater in der Krise

Kulturkatastrophenpolitik

Süddeutsche Zeitung
Feuilleton, 14.04.2014
von Christine Dössel

Es ist so, wie man sich das vorstellt, wenn der künstlerische Ausschuss des Deutschen Bühnenvereins tagt: Ein gutes Dutzend dezent bis voll ergrauter Herren im schwarzen Understatement-Sakko-Look - gerne bärtig, gerne schon etwas älter, nur zwei mit Krawatte - sitzt in sorgenvoller Runde an einem Tisch-Karree, um den Stand und die Zukunft des Theaters zu besprechen. Den Vorsitz hat Holger Schultze, Intendant in Heidelberg. Unter den 15 Teilnehmern - Intendanten, aber auch Vertreter der Rechtsträger von Theatern - sind nur drei Frauen.

Der Raum, in dem das Treffen stattfindet, gehört zum Neuen Theater Halle und nennt sich "Schaufenster", weil die Wand zur Straße hin eine Fensterfront ist. Aber niemand bleibt mal stehen und schaut herein. Das Leben draußen geht seinen Gang, ungeachtet der Diskussion drinnen um die Frage, wie sie denn am besten gelingen kann, die Osmose zwischen beiden Seiten, dem Drinnen und dem Draußen, dem Theater und dem Leben.

Die Theater wollen nichts zu verbergen haben. Deshalb darf man auf Anfrage schon mal dabei sein, wenn sie im Vereinsausschuss ihre Belange diskutieren. Es ist ja auch nicht so, dass die beiden Hauptpunkte der Tagesordnung, "Die Krise an großen Theatern" und die Frage "Wohin Stadttheater?", betriebsinterne Themen wären. Die Fakten - und Fragen - liegen auf dem Tisch, die Probleme sind bekannt.

Es gibt da auch nichts schönzureden: Das, was am Wiener Burgtheater vorgefallen ist - die aufgedeckte Misswirtschaft, die erst zur Kündigung der langjährigen kaufmännischen Geschäftsführerin Silvia Stantejsky und im März schließlich zum Rausschmiss des Intendanten Matthias Hartmann führte -, wird allgemein als "Katastrophe" empfunden und auch so benannt. Auf 8,3 Millionen Euro beläuft sich das Defizit aus der Saison 2012/13, dazu drohen fünf Millionen Euro Steuerschulden - und das bei einem jährlichen Zuschuss von 47 Millionen Euro.

Umso schlimmer, dass es am Schauspielhaus Düsseldorf eine verblüffend ähnliche Krise gibt. Dort wurde Anfang Februar der Interimsintendant Manfred Weber wegen einer massiven Finanzierungslücke geschasst. Das Haus stand kurz vor der Insolvenz. Stadt und Land mussten in die Bresche springen und das Defizit von 5,4 Millionen Euro ausgleichen. Als Nothelfer und neuer Interimsintendant bis 2015/16 wurde - wie in Wien Karin Bergmann - der alte Theaterfuchs Günther Beelitz berufen, er leitete das Haus schon von 1976 bis 1986. Als kaufmännischen Beistand bringt er Alexander von Maravić mit, ein altgedienter Theaterhaudegen auch er.

Beelitz, 75 Jahre alt und braun gebrannt wie eh und je, erklärt in Halle, wie es zu der Finanzmisere in Düsseldorf kam: Durch eine komplizierte Konstruktion in der Schauspielhaus GmbH, die je zur Hälfte vom Land und von der Stadt getragen wird, muss wegen der unterschiedlichen handelsrechtlichen Formen von Stadt und Land in der Bilanz jeweils einem "Ausgleichsanspruch" Rechnung getragen werden. Dieser "Ausgleichsanspruch" - eigentlich ein buchhalterisches Regulativ - sei der Knackpunkt gewesen. Denn in diesem System ließ sich offenbar ganz gut was verstecken. Zum Beispiel das Defizit von einer Million Euro, wie Peter Landmann, der Abteilungsleiter im Kulturministerium von Nordrhein-Westfalen, den schwer durchschaubaren Vorgang präzisiert.

Ein bilanziell verdecktes Minus also auch hier, ähnlich wie in Stantejskys "Kreativbuchhaltung" am Wiener Burgtheater. Bei einem Etat von 25 Millionen Euro - das Düsseldorfer Schauspielhaus ist eines der größten Theater der Republik - fiel die herumgeschobene Million zunächst nicht auf, erst als 2010/11 und dann "explosionsartig" 2011/12 weitere Defizite entstanden, tat sich das Loch von insgesamt 5,4 Millionen Euro auf. Wie konnte es dazu kommen? Landmann nennt zum einen die Miete für das neu gebaute, allseits als "fantastisch" gelobte Proben- und Produktionszentrum Central, die komplett in den Etat gepackt wurde; aber auch die Mindereinnahmen durch den Publikumsschwund.

Das ist dann doch anders als in Wien: In Düsseldorf bleiben die Zuschauer aus. Das "gestörte Verhältnis Publikum - Theater" (Beelitz) geht auf die unglücksvolle Berufung des Schweden Staffan Valdemar Holm zurück, der 2011 als Generalintendant an- und im November 2012 wegen eines schweren Burn-outs wieder zurücktrat. Der langjährige kaufmännische Direktor Manfred Weber übernahm daraufhin die Geschäfte. Als Anfang 2013 die Findungskommission für Holms Nachfolge wegen nach außen gedrungener Kandidatennamen platzte, wurde Weber endgültig zum Interimsintendanten ernannt, abgelöst nun durch den Interims-Interimsintendanten Beelitz. Ein Wahnsinn.

Beelitz hat es jetzt mit einem bereits fertigen Spielplan für 2014/15 zu tun, welchen er "problematisch", da finanziell "nicht unterfuttert" findet. Drei Großproduktionen hat er bereits gestrichen, die von Weber geholte Dramaturgin Eva-Maria Voigtländer hat daraufhin gekündigt. Letzte Woche ist auch die Leiterin des Jungen Schauspielhauses zurückgetreten.

Chaosladen Theater - "und das alles mit unseren Steuergeldern", wie es dann gerne heißt. Wie die Causa Burgtheater hat auch der Fall Düsseldorf eine verheerende Außenwirkung. Obwohl beides Sonderfälle sind. An kleineren Bühnen wären solche Finanzjonglierereien gar nicht möglich. Entweder die Kulturbehörde der Stadt oder der Aufsichtsrat sorgen für ein strenges Controlling. "Der Intendant ist derjenige, der entscheidet, aus welchem Fenster das Geld rausgeschmissen wird" - dieses Bonmot von Peter Zadek treffe schon lange nicht mehr zu, sagt Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Die Theater haben in den vergangenen 15 Jahren weitgehende Einsparungen und Strukturreformen vorgenommen. "Die meisten kämpfen ums Überleben, nicht darum, möglichst viel Geld rauszuhauen."

An der Semperoper Dresden - dritter akuter Krisenfall - muss allerdings doch viel Geld rausgeschmissen werden: Nach der fristlosen Kündigung des Belgiers Serge Dorny noch vor seinem (für September 2014 geplanten) Amtsantritt als neuer Intendant stehen riesige Abfindungssummen im Raum. Offenbar war es im Vorfeld zu Kompetenz-Rangeleien zwischen Dorny und dem mächtigen Chefdirigenten Christian Thielemann gekommen.

Ein "kulturpolitisches Desaster", nennt Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor des Bühnenvereins, den Vorgang. Das Problem sei: Es finde kein richtiger Diskurs statt. Man hole Leute von außen, die mal "was ganz Neues machen sollen" - siehe Gorny in Dresden, siehe Holm, der das Schauspielhaus Düsseldorf "internationalisieren" sollte -, ohne diese Leute mit den Besonderheiten des deutschen Theatersystems vertraut zu machen. "Die treffen dann plötzlich auf einen Betriebsrat oder ungewohnte Machtbefugnisse eines Generalmusikdirektors. Das sagt denen keiner."

Gibt es zu viele Problemtheater? Oder ist gar das Theater ein Problem? In Halle will es manchmal fast so scheinen. Aus gutem Grund tagen die Bühnenvereinsvertreter diesmal in Sachsen-Anhalt - in einem Bundesland, das seinen Kulturetat durch Umschichtungen um drei Millionen Euro erhöht (!), gleichzeitig die Theater aber "rasiert" hat, wie Matthias Brenner das nennt, der temperamentvolle Intendant des Neuen Theaters Halle. Sieben Millionen Euro wurden den ohnehin knapsenden Bühnen gestrichen, drei Millionen in Halle, drei Millionen in Dessau, und das Theater Eisleben wurde umgewandelt in ein "Kulturwerk Eisleben", das spart 800 000 Euro. Und warum das alles? Wo die Häuser doch gut besucht sind und die Städte hinter ihren Theatern stehen? "Weil die Theater wie Industriefaktoren abgerechnet werden", wettert Brenner. "Dem wirtschaftlichen Marktprinzip wird keine Idee mehr entgegengesetzt." Sieben Millionen Euro - dafür könne man 0,28 Kilometer Autobahn bauen. Nicht viel. "Aber durch das Weglassen der Summe kann man die ganze Straße unbrauchbar machen. Das ist, was passiert: Bestehendes wird zerstört." Theater-, Bildungs-, Hochschulabbau - in Sachsen-Anhalt ist der kulturpolitische Kahlschlag besonders krass. Er wird im Parlament ohne große Diskussion durchgewunken. Erschreckend: Es gibt keinen Dialog, keine Erklärungen, keine Perspektive. Aus Protest gegen diese Politik will der Intendant der Oper Halle Axel Köhler 2016 gehen. Und Schauspielintendant Brenner überlegt, das Land zu verklagen, "wegen Veruntreuung von Steuergeldern". Er sagt: "Wir kämpfen um die Würde eines Publikums, um die Würde unserer Stadt."

Was macht die Kultur einer Stadt aus, was ist sie uns wert? Wenn Kultureinrichtungen verschwinden, was wird dann aus einer Stadt - "ein Standort mit Kneipen und Geschäften", wie Rolf Bolwin fragt? Kann es ein Argument gegen Theater und für deren Abbau sein, dass allenfalls ein Viertel oder Fünftel der Bevölkerung einer Stadt sie aufsuchen? Oder dass ein Lady-Gaga-Konzert heutzutage genauso als Kunst gilt und das Theater nicht mehr diesen "kulturell wertvollen" Alleinanspruch hat? Auch um solche Fragen ging es in Halle.

Mit dem Ergebnis, dass von der Politik ein konstruktiver Diskurs gefordert wird.

Und dann gab es da noch das Referat des Soziologen Albrecht Göschel, in dem dieser mal ganz nüchtern die Auswirkungen des extremen demografischen Wandels in Deutschland auf die Städte beschrieb, inklusive der vielen Abwanderungsbewegungen (gerade im Osten) sowie der Herausbildung neuer Eliten in den Verdichtungsräumen. Und wie stadtplanerisch darauf reagiert wird - nämlich indem man über eine sogenannte "Cluster"-Bildung für jede Stadt ein eigenes "Profil" entwickelt.

Bei Halle (Universität, Franckesche Stiftungen) biete sich zur Image- und Wachstumsförderung das Profil "Wissenschaftsstadt" an; bei Dessau (Bauhaus, Gartenreich Dessau-Wörlitz) das Thema "Versöhnung von Technik und Umwelt". Das Theater, sagt Göschel, spiele in solchen Konzeptionen keinerlei Rolle, egal, wie gut es funktioniert. Die Ausnahme wäre allenfalls Weimar (klassische "Theaterstadt"). Göschel hat keinen Trost außer diesen: "Sollte die Politik tatsächlich nach dieser Cluster-Konzeption verfahren, dann wäre sie zumindest nicht so planlos, wie sie wirkt. Sie wäre plausibel, so grausam das ist."
Das sitzt erst mal. Aber ob Politik überhaupt so strategisch denkt, erscheint vielen doch sehr fraglich. Und was die begehrten Eliten angeht, um die die Städte ringen: Erwarten sie nicht eine kulturelle Infrastruktur? Und erwächst aus dem "Kreativitäts- und Selbsterfindungsterror", den Soziologen neuerdings konstatieren, nicht eine neue Sehnsucht? Khuon fragt das. "Eine Sehnsucht nach Verbindlichkeit, Kontemplation, Austausch, aber auch: nach Anregung, Input." Wer sollte diese Plattform bieten - wenn nicht das Theater? Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.


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