Impulse und Berichte

Ein Autor denkt ans Ensemble

von Philipp Löhle


1. Der Autor und die Schauspieler

Auf gewisse Weise bilden Autor und Schauspieler Anfang und Ende einer Theaterproduktion. Am Anfang steht der Autor. Sein Papier ist weiß und wird von ihm gefüllt. Das unterscheidet ihn nicht nur vom Schauspieler, sondern von allen anderen Beteiligten eines Theaterproduktionsprozesses. Es macht den Autor sowohl am freiesten als auch am gefährdetsten, denn er hat nichts als sich selbst und das weiße Blatt Papier, woraus er seine Produktivität ziehen kann.Hat der Autor seine Arbeit getan, folgen Korrektur-, Kontroll- und Verbesserungsinstanzen, wie Dramaturgen, Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner.
Sie alle arbeiten mit den Worten des Autors. Sie stellen sie in Frage, überprüfen sie, bewundern sie, verachten sie und ziehen so ihre eigene Produktivität aus der Arbeit des Autors.
Erst dann, wenn alles gedacht, geplant, gebaut und vorbereitet ist, kommen die Schauspieler – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Spiel und erwecken den Text des Autors zum Leben. Im besten Fall irgendwann sogar vor Publikum, womit die Arbeit des Autors durch die Körper und Stimmen der Schauspieler ihr eigentliches Ziel erreicht.

Der Schauspieler ist also das Gegenteil des Theaterautors. Und doch oder gerade deshalb ist der Autor existenziell abhängig vom Schauspieler. Denn der Autor – Ausgangspunkt, zuhause, alleine – füllt etwas, schafft etwas, stößt etwas aus, gibt Output von sich. Vom Autor weiß keiner, wie er aussieht, aber alle wissen, was er denkt.
Und der Schauspieler – Endpunkt, öffentlich, in der Gruppe – ist ein Gefäß, er nimmt auf, er verinnerlicht, er verkörpert. Alle wissen, wie er aussieht, keiner weiß, was er denkt. Der Schauspieler verlangt Input. Er braucht den Text des Autors, um seine Kunst vollführen zu können. Und der Autor, ich spreche hier immer vom Dramatiker, braucht den Schauspieler, damit seine Kunst überhaupt zum Vorschein kommt. Niemand liest Theaterstücke. Niemand kauft Theaterstücke. Kaum jemand versteht Theaterstücke überhaupt, wenn sie nicht in Verkörperung des Schauspielers in Erscheinung treten.
Es ist sogar noch gemeiner: ein Schauspieler ohne Text ist meiner Meinung nach, noch eher Theater als ein Text ohne Schauspieler.


2. Der Autor und das Ensemble

Diese Gesetze des klassischen Theaters bleiben auch über Jahrtausende unverändert.
Ob Sophokles oder Löhle, beide brauchen Schauspieler, um ihre Stücke zum Leben zu erwecken. Und beide sind dennoch meilenweit von ihnen entfernt.

Müssen also Autoren und Schauspieler sich gar nicht kennen?
Nein.

Muss der Autor beim Schreiben an die Schauspieler denken?
Nein.

Muss der Autor beim Schreiben wissen, wer sein Stück verkörpern wird?
Nein. Ich zum Beispiel will so was lieber nicht wissen, weil ich sonst die ganze Zeit beim Schreiben die Stimmen dieser Schauspieler hören würde. Über Wochen und Monate. Horror!

Interessiert es den Autor, ob sein Stück gut zu lernen ist oder ob die Schauspieler es mögen?
Nein, professionelle Schauspieler spielen auch ein schwer zu lernendes Stück, das sie nicht mögen gut, sonst wären sie ja nicht professionell.

Ist dem Autor egal, was Schauspieler machen, wenn sie nicht seine Stücke spielen?
Ja, leider.

Ist ihm egal, ob sie festangestellt sind?
Ja. Der Autor ist ja auch nicht festangestellt.

Ist ihm egal, ob die Schauspieler glücklich sind?
Genauso egal, wie bei allen anderen Menschen auch.

Interessiert es den Autor denn nicht, ob Ensemblevertreter die Interessen der Schauspieler im Theater vertreten?
Nein, das interessiert ihn nicht. Die Interessen des Autors vertritt ja auch kein Autorenvertreter.

Interessiert den Autor denn die Stimmung an einem Theater?
Nicht wirklich, so lange sein Stück gut ist.

Aber wenn ihm das alles so egal ist, braucht der Autor dann wirklich Schauspieler?
Der Autor nicht, aber sein Stück unbedingt. Lebensnotwendig.

Und braucht der Autor das Ensemble?
Nein. Der Autor, beziehungsweise sein Stück, wären vielleicht sogar besser dran, ohne Ensemble. Dann könnten nämlich für sein Stück die besten Schauspieler des Landes zusammengecastet werden und es müssten nicht zwei alte Hasen und ein junger Anfänger besetzt werden, weil die gerade Zeit haben, obwohl sie nicht zum Figurenarsenal des Stückes passen und obwohl 3 Schauspieler sowieso viel zu wenig sind.

Beispiel England: In einem Stück mit drei Indern und vier Pakistani, spielen dort auch drei Inder und vier Pakistani und nicht 7 Deutsche von denen drei so tun, als wären sie Inder und vier als wären sie Pakistani. Also Textgetreuer.
Bei der Abschlusspräsentation der Summer Residence am Royal Court Theatre in London, an der ich teilgenommen habe, und bei der Ausschnitte aus den 12 Stücken der eingeladenen Autoren gelesen wurden, wurden dafür 54 Schauspieler gecastet. An einem deutschen Theater hätten 5 Schauspieler diese Aufgabe übernommen und zwar zusätzlich zu ihren sonstigen Spielverpflichtungen. Und dementsprechend motiviert.
Oder: Beispiel Frankreich, Italien, Spanien: Ein Stück wird von einer Company mit Unterstützung verschiedener Theater produziert und dann herumgereicht. Es gibt also eine Produktion, die an fünf Theatern gespielt wird und nicht an fünf Theatern jeweils eine Produktion. Wozu auch? Eine gute reicht doch. Und die Schauspieler selbst? Wäre es für die nicht viel besser ohne Ensemble? Was ist das denn für ein Leben? Von Morgens bis Abends und Montag bis Sonntag der Fremdbestimmung ausgesetzt. Ob Jungdramatiker, Altregisseur, Klassiker oder Theaterexperiment, wer ist es denn, der am Ende die ganze Chose, meist als „Projekt“ deklariert möglichst unpeinlich über die Bühne bringen soll: Schauspieler. Können die sich wehren? Weiß ich nicht. Wehren sie sich? Hört man selten. Was man hört ist: Wir sind zu wenige. Wir machen zu viel. Ich habe zu wenig frei und zu wenig Hauptrollen. Also auch noch paradox. Was ist denn das, ein Ensemble? Ein Ensemble sind 12-20 Leute unterschiedlicher Generation, die über Jahre 15 Stunden am Tag zusammengepfercht sind. So intensiv, dass sie aus lauter Verzweiflung auch noch die restlichen 9 Stunden des Tages zusammen verbringen. Das ist wie Guantanamo, nur haben nicht alle das gleich an. Und es gibt kein entrinnen. Der Kollege, der den anderen immer ins Wort fällt, fällt den anderen immer ins Wort. Der alte Sack, der sich immer noch für genial hält, hält sich immer noch für genial und ist auch noch unkündbar. Und die kleine Anfängerin nervt, weil sie mit Ideen ankommt, wie Theater ihrer Meinung nach eigentlich sein müsste. Na toll. Jetzt darf man mit der auch noch die ganz Zeit diskutieren. Und mal ehrlich und ganz abgesehen von all dem: Wen auf der Welt mag man so sehr, dass man ihn 11 Monate eines Jahres jeden Tag hören, riechen, umarmen, küssen und nackt sehen will. Da fallen einem nicht viele Menschen ein. Und erst Recht nicht 12-15 Stück.


3. Das Ensemble ist das Theater

Aber wie so häufig bei solchen Dingen sind es all diese Nachtteile, die die Vorteile erst möglich machen. Die eine Antwort auf die verwirrende Frage geben: Wozu sich ein Mensch freiwillig so etwas antun soll, wie Bestandteil eines Ensembles zu sein.
Meiner Meinung nach liegt die Antwort in der Definition von Theater, wie sie in Deutschland, wenn nicht einzigartig, dann am ausgeprägtesten ist. Und die heißt: Das Theater ist mehr als eine Bühne auf der man Texte aufsagt, die sich jemand alleine zuhause ausgedacht hat. Das Theater ist ein öffentlicher Ort, eine Institution der Auseinandersetzung, der Konfrontation, der Diskussion, der Reaktion. Und zwar nicht ungerichtet, sondern ganz gezielt, ganz speziell für die Menschen einer ganz bestimmten Stadt.
Und dafür braucht man nach Innen ein festes Team, dass zu allem bereit ist. Und nach außen eine bestimmte Anzahl von Personen, die dieser Institution Theater einen Wiedererkennungswert geben, einen Körper und ein Gesicht. Das heißt zum einen einen Körper wie Corporate Identity, also Schauspieler, die man mit dem Theater verbindet, die der Zuschauer in der Fußgängerzone anspricht, mit denen er auf der Premierenfeier anstoßen kann, die er noch kennt vom letzten Stück.
Und andererseits Körper als ausführendes Organ, als Exekutive des Theaters, die die Gedanken und Ideen materialisiert. Und zwar in einer Schnelligkeit und Flexibilität, wie sie ohne diesen festen Kern nicht möglich wäre.
Kein Tag der offenen Tür ohne Ensemble. Keine Spektakel ohne Ensemble, keine Autorentheatertage, Stücketage, Sonderveranstaltungen, Lesungen ohne Ensemble. Und selbst wenn all das ebenso möglich wäre, in dem man sich für all diese Veranstaltungen und auch für die abendfüllenden Stücke Schauspieler zusammencastet – wobei man früher oder später wahrscheinlich auch wieder auf einen festen Kern zurückgreift und so etwas ähnliches entsteht wie ein Ensemble – selbst wenn all das gegeben wäre, wäre doch eines und zwar das allerwichtigste unmöglich ohne Ensemble: Der Repertoire-Betrieb! Und da kommen wir auch wieder zum Autor zurück, der von der Existenz eines Ensembles natürlich profitiert. Sowohl bei kleineren Projekten als auch bei großen Stücken. Bei der Reihe „Löhles Kommentar zur Wirklichkeit“, die ich vor zwei Jahren als Hausautor am Maxim Gorki-Theater zum ersten Mal ausprobieren konnte, war die Idee an einem Tag ein Kurzstück zu einem tagesaktuellen Thema zu schreiben und es abends aufzuführen. Ohne die Mitglieder eines Ensembles wäre diese Reihe gar nicht zu realisieren gewesen. So aber konnten der Regisseur und ich spontan drei bis vier Schauspieler fragen, ob sie abends Zeit und Lust hätten mitzumachen und wir wurden immer fündig.
Genauso und noch mehr profitieren natürlich die richtigen Stücke eines Autors von einem Ensemble. Wenn man Autorenkollegen aus dem Ausland erklärt, wie an deutschen Stadttheatern ein Spielplan aussieht, bleiben bei denen die Münder offen stehen. Die Möglichkeit eine große Anzahl von Stücken fest an einem Haus zu haben und somit auf eine Vielfalt und sowohl Tiefe als auch Breite von Theater zurückgreifen zu können, ist nicht nur ein Luxus für die Zuschauer, ich bin mir sicher, dass diese Wechsel zwischen alt und neu, zwischen Klassiker und Moderne, zwischen unterschiedlichen Regiestilen, Sprachen und Handschriften auch das Theater selbst voran bringen.
Wenn im kanadischen Montreal hingegen ein Stück extrem erfolgreich ist und deshalb verlängert werden soll, nach dem es ungefähr 3 Wochen auf dem Spielplan war, kann es sein, dass der nächstmögliche Termin 2 bis 3 Jahre entfernt liegt, weil die Theater sehr weit vorausplanen, die Schauspieler schon längst anderweitig verpflichtet sind und hier ausschließlich en suite gespielt wird. Ein Stück über Jahre im Pool des Repertoires, in mehreren Städten! und dadurch 1 mal im Monat auf dem Spielplan: für ausländische Autoren unvorstellbar.

Ich kann Sie alle daher nur bitten: Hegen und pflegen Sie Ihre Ensembles. Sie sind Gesicht und Körper ihrer Theater.

Vive la Ensemble.

Danke schön.


Download

PDF – Bericht